DMP Asthma: Nur 28 % der Patienten mit Diagnose sind eingeschrieben. Warum Hausarztpraxen nach Signalen einbestellen müssen, statt zu warten.
Montag, 7.55 Uhr: das vierte Rezept
Eine Hausarztpraxis in Gera, Montag, kurz vor acht. Auf dem Bildschirm der Medizinischen Fachangestellten warten elf Rezeptwünsche vom Wochenende, darunter ein Salbutamol-Spray für einen Mann Mitte vierzig, das vierte seit dem Sommer. Die Ärztin signiert es zwischen zwei Patienten, das E-Rezept geht auf die Gesundheitskarte, am Nachmittag gibt die Apotheke das Spray aus. Niemand hat etwas falsch gemacht.
Dabei gibt es für genau diesen Mann ein Programm. Das DMP Asthma bronchiale hat der G-BA 2023 grundlegend überarbeitet: mit Stufenplänen und mehr Gewicht auf Selbstmanagement. Ende September 2026 waren laut Bundesamt für Soziale Sicherung 1.220.202 Versicherte eingeschrieben. Wer dabei ist, wird regelmäßig gesehen und geschult. Die Verlaufskontrolle wird dokumentiert. Thüringen hatte 2023 übrigens mit 6,77 Prozent die höchste Diagnoseprävalenz aller Länder, Baden-Württemberg mit 4,65 Prozent die niedrigste.
Drei Millionen außerhalb des Programms
Laut Versorgungsatlas hatten 2023 4.159.793 GKV-Versicherte eine Asthmadiagnose. Ende 2025 waren 1.171.403 im DMP. Die Rechnung ist schlicht: 1.171.403 ÷ 4.159.793 ≈ 28 Prozent. Rund drei Millionen Menschen mit Diagnose haben also keinen strukturierten Termin, an den sie jemand erinnert. Die Jahre unterscheiden sich, und ein Diagnosecode ist keine gesicherte Diagnose. Die Größenordnung bleibt trotzdem.
Ist das ein Problem? Eine Befragung von 1.002 Erwachsenen mit Asthma vom November 2024 fand, dass 61 Prozent nicht gut kontrolliert waren und 75 Prozent keinerlei Selbstmanagement-Hilfen nutzten. Ausgerechnet wer täglich eine Dauertherapie nahm, berichtete die schlechtere Kontrolle. Verordnungsdaten zeigen dasselbe aus einem anderen Blickwinkel. Eine Analyse von Verordnungen aus dem Zeitraum Juli 2022 bis Juni 2023 identifizierte rund drei Millionen Asthmapatienten und fand bei 13 Prozent Zeichen eines unkontrollierten Asthmas. Gerechnet sind das 0,13 × rund 3 Millionen ≈ 390.000 Menschen.
Diese Patienten sind also nicht unsichtbar. Sie stehen in den Daten, nur auf keiner Liste in einer Praxis.
Wo die Kette reißt und wer es zuerst merkt
Zuerst merkt es die Apotheke. Seit Praxen die ePA verpflichtend nutzen müssen, landen eingelöste E-Rezepte automatisch in der Medikationsliste. Das vierte Salbutamol-Spray ist dort also dokumentiert, vorgelegt wird es niemandem. Danach kommt die Notaufnahme: eine Nacht mit Kortison, ein Arztbrief, der irgendwann im Praxisposteingang liegt. Die Hausarztpraxis erfährt es beim nächsten Rezeptwunsch. Die Krankenkasse sieht es zuletzt, quartalsweise und abgerechnet.
Bezahlt wird an jedem Glied der Kette. Die Kasse zahlt die Klinik, der Arbeitgeber die Fehltage. Der Patient zahlt mit seinen Nächten.
Im DMP selbst steckt ein Mechanismus, der das verschärft. Fehlen zwei aufeinanderfolgende Folgedokumentationen, muss die Krankenkasse die Teilnahme beenden. Allein bei der hkk wurden 2024 3.373 Versicherte erinnert, 1.522 beendeten ihre Teilnahme. An das Formular erinnert das Programm zuverlässig. Wer trotzdem nicht kommt, verschwindet erst aus der Statistik und dann aus der Versorgung.
Mit der Versorgungspauschale seit 1. Juli 2026 vergütet der EBM erstmals ausdrücklich weniger Kontakte bei stabilen chronisch Kranken. Sie gilt für Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen, für Asthma nicht. Das System hat also gelernt, die Stabilen seltener zu sehen. Die Instabilen zu finden, hat es nicht gelernt.
Die Frage
Wie erreicht die Hausarztpraxis die Asthmapatienten, die nicht von selbst kommen, bevor die Notaufnahme sie erreicht?
Die vier Sichtbarkeitskreise
Unsere Antwort: Mehr DMP-Einschreibungen schließen diese Lücke nicht. Die Praxis muss von der Bringschuld des Patienten zur Holschuld wechseln. Sie bestellt nach Signalen ein, eine benannte Person verantwortet die Liste, und die Kassen bezahlen das Einbestellen. Das kommende Primärarztsystem sollte es vorschreiben, statt nur zu steuern, wer ohnehin an die Tür klopft.
Warum das Programm allein nicht reicht, zeigt eine einfache Einteilung danach, wer einen Patienten zuerst sieht:
| Kreis | Wer gehört dazu | Wer sieht ihn | Was fehlt |
|---|---|---|---|
| 1. Im DMP, kommt regelmäßig | rund 1,2 Mio. | Praxis, dokumentiert | wenig |
| 2. Diagnose, kein DMP | rund 3 Mio. (Rechnung oben) | Praxis, nur beim Rezeptwunsch | ein Anlass zum Einbestellen |
| 3. Aus dem DMP gefallen | keine bundesweite Zahl | Kasse, als Austritt | jemand, der nachfragt |
| 4. Signal ohne Empfänger | rund 390.000 mit Zeichen schlechter Kontrolle | Apotheke, Notaufnahme, Daten | ein Weg zurück in die Praxis |
Die Kreise überschneiden sich, das ist beabsichtigt. Ein Patient wandert von Kreis 1 über Kreis 3 in Kreis 4, und kein Glied der Kette ist dafür zuständig, ihn zurückzuholen. Schweden zeigt, dass es nicht an der Bauart liegt. Dort haben laut Socialstyrelsen fast alle Versorgungszentren eine eigene Asthma- und COPD-Sprechstunde mit mindestens einer spezialisierten Pflegekraft. Trotzdem haben in einer von AstraZeneca finanzierten Befragung nur 30 Prozent der Erwachsenen ihr Asthma gut unter Kontrolle. Die Strukturen sind andere, die Lücke ist dieselbe: Die Liste gehört niemandem.
Der stärkste Einwand
Der Einwand liegt auf der Hand: Das DMP wirkt doch. Eine aktuelle Studie zitiert KBV-Daten, nach denen 2022 84,1 Prozent der DMP-Teilnehmenden als kontrolliert eingestuft waren. Dazu kommt, dass Hausarztpraxen keine freien Kapazitäten haben.
Beides stimmt, und beides verfehlt den Punkt. Die 84 Prozent beschreiben die Menschen, die geblieben sind. Wer zwei Dokumentationen verpasst hat, taucht in dieser Quote nicht mehr auf. Und Einbestellen heißt nicht, alle öfter zu sehen. Es heißt, die richtigen Patienten früher zu sehen und die stabilen seltener, genau die Logik also, die der EBM mit der Versorgungspauschale bereits akzeptiert hat.
Was das für jeden Akteur heißt
Praxis- und MVZ-Leitung: Ein Mensch, nicht die Software, verantwortet die Asthmaliste, idealerweise eine VERAH oder NäPa mit festem Zeitfenster.
Krankenhausvorstand: Ein Asthmakontakt in der Notaufnahme ist ein Signal an die Hausarztpraxis und mehr als ein Arztbrief. Wer ihn wie einen Arztbrief behandelt, sieht den Patienten wieder.
Krankenkassen: Mit § 25b SGB V dürfen Kassen individuelle Gesundheitsrisiken in ihren Daten erkennen. Der Hinweis gehört in die Praxis und nicht als Brief an den Versicherten, den die Verbraucherschützer ohnehin kritisch sehen. Vergütet werden sollte das Zurückholen, nicht nur die Folgedokumentation.
G-BA und BMG: Die DMP-Qualitätsziele sollten messen, welcher Anteil der Diagnostizierten erreicht wird. Das Primärarztsystem braucht eine Pflicht zum Einbestellen, sonst steuert es nur die, die ohnehin kommen.
Die ersten drei Schritte
Erstens: alle Patienten mit Asthmadiagnose und Dauerverordnung, die in einem selbst gewählten Zeitraum keinen Asthma-Kontakt hatten, in eine Liste ziehen. Zweitens: diese Liste nach Signalen sortieren, die schon im System stehen, etwa wiederholte Bedarfssprays, ein Kortisonstoß oder ein Brief aus der Notaufnahme. Drittens: einen Namen über die Liste schreiben. Schwieriger wird es danach: welche Signale zählen, wie die Liste aktuell bleibt und wie Apotheke und Klinik tatsächlich in die Praxis zurückmelden. Daran scheitern die meisten Versuche.
Am Montag darauf liegen in Gera wieder elf Rezeptwünsche im System. Das vierte Salbutamol-Spray steht diesmal aber auf einer kurzen Liste, und die Fachangestellte hat den Mann schon am Freitag angerufen. Am Mittwoch hat die Ärztin zehn Minuten für seine Inhalationstechnik statt einer Unterschrift zwischen Tür und Angel, und er schläft die Nacht durch, die er sonst vielleicht in der Notaufnahme verbracht hätte. Das Rezept ist dasselbe, aber diesmal liest es jemand. Wie eine Praxis dahin kommt, ohne dass irgendwer abends eine Stunde länger bleibt, ist der Teil, den dieser Text nicht erzählt. Bei CW1 arbeiten wir jeden Tag genau daran.








